Statt eines Geständnisses.

Traduction française.

Meine Damen und Herren, liebe Freunde,

Es ist für mich eine große Ehre, um vom großen Vergnügen nicht zu reden, an diesem Abend in Lausann den Charles Veillon-Preis entgegennehmen zu dürfen, den mir die Jury mit einer hochwillkommenen Geste der Großzügigkeit zuerkannt hat.

Es ist bei Anlässen wie diesen guter Brauch, daß der auf solche Weise geehrte und vergnügte Autor ein wenig aus der Schule plaudert, oder etwas pompöser gesagt, daß er vor der versammelten Festgemeinde eine schöpferische Konfession ablegt, um über die Antriebe seines Schaffens, soweit sie für ihn selber offen liegen, Rechenschaft zu geben. Ein solches Reden von sich selbst ist nicht nur auf der Ebene der zivilisierten Üblichkeiten zu Hause, es hat auch eine psychologische Plausibilität für sich, denn ein Preis ist ein Spiegel, der schön macht, wäre es auch nur für die Dauer der Laudatio, so daß es von Undankbarkeit gegen die Gelegenheit zeugte, nicht in ihn zu schauen. Ich darf sie also, meine Damen und Herren, in den folgenden Minuten mit den Resultaten meines Mutes zur Schönheit konfrontieren, eingeflößt von der Gunst der Stunde. Hören Sie, wenn es denn sein soll, Fragmente einer Konfession — ich darf doch voraussetzen, daß Sie im Bilde sind: wenn Schriftsteller gestehen, kommen immer nur Poetologien heraus.

Ein Beispiel für die unvermeidliche Konvergenz von konfessionellen und poetologischen Reden bietet eine Anekdote über Thomas Mann aus dem Herbst des Jahres 1939, die von der schwedischen Schriftstellerin Tora Nordström-Bonnier aufgezeichnet wurde. Bei einem Verlagsempfang in der Nähe von Stockholm, am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, sprechen die Gäste über die beklemmende Weltlage, das englische Kabinett ist zusammengetreten, in Danzig, hört man, fallen Schüsse auf Zollbeamte. Thomas Mann wendet sich seiner Gastgeberin zu, um sie zu fragen, ob es ihr leichter falle, zu erzählen oder ihre Figuren sprechen zulassen — er selber nämlich habe immer die größte Mühe mit seinen Handlungen. Die Dame errötet und gesteht flüsternd, daß es auch ihr schrecklich schwer falle, Handlungen zu finden, aber, so fügt sie mit noch leiserer Stimme hinzu, « mein Mann hilft mir ». Thomas Mann belohnt dieses Geständnis mit einer prachtvoll großzügigen Gegeneröffnung : « Und ich stehle aus der Bibel ». Woraufhin die Dame noch einmal zulegt : « Und von Goethe ».

Meine Damen und Herren, wir verstehen unmittelbar, daß dies eine Konversation von hoher Modernität und Professionalität ist : sie läßt erkennen, daß die Beteiligten sich über die Natur kreativer Prozesse keine Illusionen mehr machen. Hier sind Kenner unter sich, die sich über den Graben zwischen den Geschlechtern hinweg darüber verständigt haben, daß es an der Zeit ist, Gespräche über Inspiration zu ersetzen durch Gespräche über Diebstähle. Das Kriterium für die Professionalität solcher Konversationen steht darin, daß die Teilnehmer die Namen der Bestohlenen zumindest im Umgang mit Kollegen, sagen wir eben : auf der poetologischen Ebene, willig preisgeben — weswegen es überflüssig wäre, sie zur Offenlegung der Namen anonymer Ideenspender aufzufordern. Die Schriftsteller sprechen nur allzu gerne von ihren bevorzugten Bestohlenen und rühmen ihre Namen, sie träumen davon, selber einmal aufzusteigen in der Rang der Bestehlbaren, und wie um das Maß der berufsspezifischen Immoralität vollzumachen, gefallen sich die repräsentiv Gesonnenen unter ihnen in der Vorstellung, sie seien dazu berufen, eine neue Generation von Ideendieben heranzubilden oder zu bereichern — die Pessimisten unter ihnen seufzen indessen, daß die jungen Langfinger nicht mehr so zu nehmen wissen wie dereinst.

Unter diesen Voraussetzungen, meine Damen und Herren, sind die Geständnisse von Schriftstellern immer auch Aussagen über ihre Stellung in den Prozessen, in denen Ideen und Zeichenverfahren ihre Besitzer wechseln. Es ist also nicht ganz damit getan, wie Hemingway zu sagen, daß zwei Dinge nötig seien, um einen Autor zu machen, ein Talent und eine unglückliche Kindheit, es ist hinzuzufügen, daß das Talent zur skrupellosen Aneignung von interessanten Sprachspielen erforderlich ist und daß man jene Art von Unglück mitbringen muß, das durch syntaktische Glückstechniken in momentanes Glück umgewandelt werden kann — , Glückstechniken, die besser bekannt sind unter dem Titel Literatur.

Sie werden mich vielleicht, meine Damen und Herren, schon fragen wollen, wie es kommt, daß ich bisher weder in der Sache noch dem Namen nach die Philosophie erwähnt habe, mit der ein Verhältnis zu haben ich im Guten wie im Schlimmen berüchtigt bin und deren Titel sogar in meinen Lehrstuhlbeschreibungen aufscheint — und warum ich hier darauf aus zu sein scheine, Schriftstellergeständnisse und nicht Philosophengeständ — nisse zu machen. Um auf diese Frage zu antworten, wie es sich gehört, wird eine kleine Exkursion in die Theorie der Medien und der Nationen vonnöten sein, die ich sogleich mit einer vagen Skizze umreißen will, aber zuvor soll doch angemerkt werden, daß nach meiner Überzeugung nur Schriftsteller Geständnisse ablegen können, weil sie Geheimnisse haben — ich werde nachher die allgemeine Form solcher Geheimnisse umschreiben — während Philosophen sich nur irren, aber nicht Geheimnisse haben können. Natürlich bin ich darauf gefaßt, daß die Kenner in diesen Andeutungen schon das Ziel meiner Überlegung voraushören, nämlich eine Aussage über die Hybridform der Schriftstellerei, die man die philosophische nennt und zu der ich mich seit meinen öffentlichen Anfängen bekenne — einer Form mithin, die zugleich ein Geheimnis hat und kein Geheimnis.

Lassen Sie mich zunächst ein paar Sätze über die Rolle der Medien in der modernen Gesellschaft sagen, weil ja ein Schriftsteller eine Erscheinung im Mediensektor ist und wohl von dort aus verstanden werden sollte. Die Rolle der Medien in der modernen Gesellschaft, meine Damen und Herren, dies ist eine Formulierung, die den Vorzug hat, so irreführend und trivial zu sein, daß sie wie von selbst auf eine Verbesserung des Ausdrucks oder eine Schärferstellung des Gedankens drängt. Denn die Rolle der Medien in der modernen Gesellschaft , das ist nun gerade das, was es nicht gibt und niemals geben kann. Warum? Weil, um in den genannten modernen Gesellschaften eine Rolle spielen zu können, diese als Gesellschaften schon vor ihren Medien bestehen müßten — so wie ein Theater bestehen muß, damit Schauspieler auf ihm in Rollen schlüpfen und Texte rezitieren können. Hingegen ist es für den Sachverhalt moderne Gesellschaft — ja für Gesellschaft überhaupt — charakteristisch, daß er keine Sekunde früher da sein kann als die Medien, als deren Effekt er sich formiert. Daher gibt es nicht die modernen Medien und ihre Rolle in der Gesellschaft, sondern es gibt nur Zustände von Medialität, die wir Gesellschaft nennen. Es ist die Gesellschaft, die in den Medien ist, nicht umgekehrt die Medien in der Gesellschaft. Das ist eine Idee, die man in ihrer anregendsten Version von Marshall McLuhan stehlen konnte, wozu sich im übrigen die große Mehrheit der deutschen Intellektuellen von den 60er Jahren an zu klug dünkt — mit der Folge, daß man hierzulande bis heute nicht wirklich weiß, wieso das Medium die Botschaft ist. Es ist eine Idee, die man in einer dunkleren Variante auch bei René Girard hätte finden können, der in seiner Theorie des Sündenbocks die Geburt des Konsensus aus der gemeinsamen Empörung über einen vorgeblichen Ordnungsstörer rekonstruiert hat. Es ist vor allem eine Idee, die in jüngerer Zeit von Niklas Luhmann so präzise gefaßt worden ist, daß es sich jetzt eher empfiehlt, sie bei dem Bielefelder Soziologen als bei dem kanadischen Mediologen oder dem französischen Kulturanthropologen zu stehlen — zumal Luhmann in seiner unnachahmlichen Diskretion den Ausdruck stehlen durch den Begriff anschließen ersetzt hat. Infolgedessen haben wir es an der Oberfläche nicht mehr mit Fragen der Bestehlbarkeit zu tun, sondern solchen der Anschlußfähigkeit, und solange die Beteiligten wissen, worum es in der Sache geht, ist diese zugleich wissenschafts theoretische und diplomatische Wendung von hohem zivilisatorischem Wert. An Luhmanns Reichtümern können auch Gelegenheitsdiebe anschließen, weswegen es nicht ausgeschlossen ist, daß deutsche Kulturjournalisten es eines Tages dahin bringen einzusehen : Gesellschaften bestehen nicht aus Leuten, sondern aus Kommunikationen.

Aber was heißt: aus Kommunikationen bestehen? Ich bin dieser Frage in mehreren Veröffentlichungen der letzten Jahre nachgegangen, bereichert durch die Beute, die mir die Lektüre einiger großer Sozialforscher des vergangenen Jahrhunderts eingebracht hatte. In ihrer Summe ergeben die von mir publizierten Andeutungen noch keine kompakte Theorie, aber doch so viel wie Vorstudien zu einer asemantischen Lehre von der Gesellschaft, die um die Begriffe Stress, Selbsterregung, interne Resonanz und reine Performanz aufgebaut sein wird. Es scheint mir nützlich, in aller Kürze einige Fragmente hiervon zu zitieren, nicht nur um die Reichweite einer stressorischen und mimetischen Soziologie ahnen zu lassen, sondern auch weil vor dem Hintergrund dieser Theorie erst klar wird, wie ich die Funktion eines Schriftstellers überhaupt und eines philosophischen Schriftstellers im besonderen verstehe.

Ich erlaube mir einen Diebstahl in einem eigenen Zwischenlager von Ideen und Formulierungen, das ich 1995 unter dem Titel « Im selben Boot. Versuch über die Hyperpolitik » angelegt hatte — ein bislang ungeplündertes Depot, in dem sich rückblickend schon die Umrisse meines « Sphären »-Projekts erkennen lassen. Dort habe ich unter dem Stichwort Paläopolitik einige Aussagen über die kommunikative Verfaßheit von primitiven Einhundert-Personen-Gesellschaften vorgelegt :

Die luxurierende Human-Insel, so heißt es dort, ist erfüllt von Geräuschen und Klängen, die man mit einem Ausdruck des kanadischen Komponisten Murray Schafer als die charakteristische soundscape einer Gruppe bezeichnen könnte — eine Klanglandschaft oder Sonosphäre, die ihre Mitglieder in sich zieht wie ins Innere einer psychoakustischen Weltkugel. In einer gewissen Hinsicht darf man den Existenzmodus der vorgeschichtlichen Gruppen als einen globalen bezeichnen — nicht weil die Menschen gewußt hätten, daß die Erde ein physischer Globus ist, auf dem sie allenhalben existieren könnten, sondern weil sie in einem psychischen Globus, in einer Klangkugel existierten und überall dort und nur dort überleben konnten, wo diese akustische sphaira sich intakt hielt. Die frühen Horden … sozialisieren ihre Mitglieder in einem psychosphärischen und sonosphärischen Kontinuum […] Die älteste Gesellschaft ist eine kleine plappernde Zauberkugel — ein unsichtbares Zirkuszelt, das über seine Truppe ausgespannt ist und mit ihr wandert. Durch psychoakustische Nabelschnüre ist jedes Individuum mit dem Gruppenklangkörper mehr oder weniger kontinuierlich verbunden […] Zusammengehören heißt tatsächlich zunächst nicht viel anderes als sich zusammen hören — aber darin liegt bis zur Erfindung der Schriftkulturen und der Imperien das quintessentielle soziale Band. […] Mit dem eigenen Reden, Plappern, Singen, Trommeln und Klatschen sichert die kleine Gruppe ihr akustisches Kontinuum und überzeugt sich selbst (fortlaufend) davon, daß diese Horde diese Horde ist (P. Sloterdijk, Im selben Boot, Versuch über die Hyperpolitik, Suhrkamp, 1995).

Man mag von dieser Passage rhetorisch halten, was man will, ihre mögliche Nützlichkeit erweist sich in dem Augenblick, in dem man sie gelten läßt als Anregung zu der Frage, wie denn nun moderne Großgesellschaften, deren Mitglieder zu dutzenden von Millionen Menschen zählen, die Funktion besetzen, die hier als die der psychoakustischen Kohärenz der Kleingrupe bestimmt wurde. meine Damen und Herren, Sie verstehen sicher, was ich mit dieser Frage vorhabe, ich möchte einen zweiten Diebstahl aus einem anderen eigenen Speicher rechtfertigen, ein zweites Selbstzitat, diesmal aus einer politischen Rede, die ich anläßlich eines deutschen 9. Novembers im Berliner Renaissance-Theater gehalten habe, wir schreiben das Jahr 1998, und der Titel der Rede klingt ominös : « Der starke Grund, zusammen zu sein ». Man ahnt, daß dies auf ein hybrides politologisches Theorem hinauslaufen wird, genauer gesagt auf eine Aussage über das, was Soziologen das soziale Band, Philosophen sogar die soziale Synthesis nennen. Ich ziehe hier einige der Intuitionen und Lehrsätze McLuhans und Luhmanns zu der These zusammen, daß die Gesellschaft nichts anderes ist als die Summe ihrer Selbstgespräche, oder um es in den Termini der Systemtheorie zu formulieren, die Summe ihrer Selbstirritationen und deren Abarbeitung. Dem liegt ein Argument von hoher Suggestivität zugrunde: Moderne Gesellschaften sind strukturell und numerisch so komplexe und zentrifugale Gebilde, daß ungeheure selbststressorische Kräfte am Werk sein müssen, um diese Millionenpopulationen in einer minimalen symbolischen Kohärenz zu verklammern. Man hat dies in der traditionellen Politologie als die Leistung des Staates mißverstanden. Wenn wir heute Grund sehen, all unsere Begriffe von dem, was Gesellschaft, Staat, Kultur und Kommunikation bedeuten, zu revidieren, so deswegen, weil wir zunehmend zu verstehen beginnen, in welchem Maß soziales Leben medial bedingt ist. Was die großen National-gesellschaften angeht, diese Zusammensiedlungen von fünfzig oder hundert Millionen Menschen und mehr, so sind sie zu vergleichen mit einem vibrierenden Kompositkörper, einem medialen Leviathan, der fortwährend Themen aufnehmen und verbrennen muß, um sich in der stets leicht erhöhten Temperatur zu halten, die zu seiner Vitalisierung vonnöten ist. Das ist im übrigen der funktionale Sinn von Massenkultur, und das ist der Grund, warum man in der Massendemokratie siebenunddreißig-fünf am morgen mißt, mit der Süddeutschen oder der Faz unterm Arm abgelesen, in der Rektalpresse ein paar Strich mehr — bei Skandalen liegen die Werte entsprechend höher. In der November-Rede heißt es diesbezüglich :

Die Nation ist also […] ein von Grund auf hysteroides Gebilde. […] Ihre reale Existenz hängt von invasiven und infektiösen autoplastischen Kommunikationen ab, die den Zwang zu sein und eine Rolle zu spielen (und sich für gemeinsame Themen zu interessieren), über eine ganze Population verhängen. Diese Kommunikationen spielen sich zunächst vor allem schriftlich ab, weswegen Nationen stets ein Mindestmaß an orthographischem Drill verlangen. Und da die literarischen Klassiker mit dieser Aufgabe von Anfang an überfordert waren, mußten gleichzeitig mit ihnen — und erst recht nach ihnen — gröbere Medien, direktere Medien, neue Medien sich in den Vordergrund schieben, die sich ganz der Aufgabe widmeten, die informierte Nation durch thematischen Dauerstress im Dasein zu halten. Die Nation ist ein hysterisches und panisches Informationssystem, das ständig sich selbst erregen, sich selbst stressieren, ja sogar sich selbst terrorisieren und in Panik versetzen muß, um sich selbst zu beeindrucken und um sich, als in sich selber schwingende Stress-Gemeinschaft, davon zu überzeugen, daß es sie wirklich gibt. Ist ein solches nationales Informationssystem erst einmal hinreichend ausgebaut — können die Mehrheit erst lesen, schreiben und sich selbst irritieren — so ist die Nation imstande, sich von Tag zu Tag als selbstnötigende Einheit […] zu erleben und sich immer von neuem davon zu überzeugen, daß sie einen hinreichend starken Grund für ihre Existenz und ihre Kohärenz besitzt. Halten wir fest : Moderne Nationen sind Erregungs-Gemeinschaften, die sich durch telekommunikativ […] erzeugten Synchron-Stress in Form halten.

meine Damen und Herren, ich verzichte darauf, diese Annahmen mit Hilfe eines Themen-, Affairen-Katalogs der letzten Jahre zu plausibilisieren und gehe davon aus, daß Sie die diagnostische Relevanz dieser systemischen Skizze aufgrund eigener Anschauung mühelos verifizieren können. Allenfalls wäre der Eindruck zu unterstreichen, daß die Abhängigkeit der westlichen Gesellschaften von verschärften Selbstirritationen in den letzten Jahren zugenommen hat, ohne Zweifel durch den globalen Trend zur Übermediatisierung des öffentlichen Raums — die deutsche Mediasphäre etwa ist in den letzten Jahren überhaupt nicht mehr zur Ruhe gekommen und zelebriert eine Überhitzung, die in ihrer chronischen Form nicht ungefährlich ist. Denn wenn unsere Analyse zutrifft, so spielen bei diesen Inszenierungen von chronischem Selbststress die Inhalte eine immer nebensächlichere Rolle. Wir können von der Prognose ausgehen, daß die chronische moralische Aufgebrachtheit geradewegs in progressiver Demoraliserung mündet. In der dauererregten Gesellschaft wird zunehmend offenkundig, daß es der medialen Logik nach völlig gleichgültig ist, ob eine Gesellschaft über die Einführung einer Potenzdroge oder über einen Kriegseinsatz, über die unsachgemäße Verwendung von Zigarren durch amerikanische Politiker oder über die unrechtmäßige Führung von Parteispendenkonten, über den geklonten Übermenschen oder über britisches Rindfleisch diskutiert, solange sie nur irgendwie vom Schein des Diskutierens umnebelt werden kann und sich durch irgendwelche Skandalisierungen synchronisieren läßt. Dabei wird nicht verkannt, daß gleichzeitig mit der allgemeinen Öffentlichkeiten zahllose Teilsysteme und Subkulturen existieren, die sich mit enger begrenzten Selbsterregungthemen in Spannung halten.

Es läßt sich nun, meine Damen und Herren, vor dem Hintergrund dieser Skizze mit einem einzigen Satz sagen, was eigentlich ein Schriftsteller ist — nämlich ein Arrangeur von Zeichen, der davon überzeugt ist, daß die normale Verwendung der Sprache zur Erzeugung von öffentlichem und subkulturellem Themenstress nicht alles sein kann. Um diese Überzeugung plastischer zu charakterisieren, schließe ich hier an die bekannte Unterscheidung Roland Barthes zwischen dem Schreibenden und dem Schriftsteller an — dem écrivant und dem écrivain, eine Differenz, die sich nicht in allen Fällen mit der wünschbaren Klarheit durchführen läßt und doch von großem Erhellungswert ist. Nach Barthes, der Sartre und die Strukturalisten folgenreich bestiehlt, ist der écrivant ein Verfasser von Zwecksätzen, oder wie er auch sagt, von transitivem Text, mithin von Äußerungen, die auf außertextuelle Zustände zielen. Finde ich beim Nachhausekommen einen Zettel, dreh die Heizung auf und füttere die Katzen! so weiß ich als zweitbeste Hälfte eines idealen Paares, was meines Amtes ist, als Semiologe weiß ich aber, daß hier ein Fall von écrivant-Prosa vorliegt. Ebenso sind Schreibende oder écrivants am Werk, wenn wir dank einem unnachgiebig auf Skandal bestehenden investigativem Journalismus erfahren, was Vertreter der deutschen politischen Klasse so innig mit Schweizer Banken verbindet — das ergibt allemal Text von erheblichem Empörungswert ; aber auch Philosophieprofessoren sind Schreibende, wenn sie erklären, was Platon und Dewey eigentlich gemeint haben oder welche ethischen Herausforderungen von gentechnisch intelligenter gemachten Mäusen ausgehen. Natürlich ist auch Hans Küng ein écrivant, wenn er versucht, den Animismus, das Evangelium und die chinesische Ethik auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen — Weltethik und Weltstress sind nur zwei Ausdrücke für dieselbe Sache. Alles, was Ingenieure, Juristen, Ökonomen, Politiker, Psychologen, Theologen, Informatiker, Germanisten und Journalisten von Berufs wegen niederschrieben, ist selbstverständlich auf der écrivant-Seite formuliert, so wie eben alles, was man Diskurs nennt, nur zu dieser Funktion gehören kann. Écrivants sind schließlich auch all die Autoren, die nicht müde werden, uns zu erklären, daß man das Paradigma schleunigst wechseln muß.

Écrivant-Sätze tragen eine größere oder geringere stressorische Ladung, weil sie über sich in die Zone des Realen deuten, die man im Andenken an Aristoteles und Marx die Praxis zu nennen pflegt. Sie schicken den Rezipienten immerzu weiter, sie schicken ihn weg von sich in die Wirklichkeit, so wie uns ein Kochbuch in die Küche schickt, wie uns die Diskursethik in die ideale Sprechsituation schickt, wie uns ein Touristikprospekt an den Strand schickt und wie uns die Fußnote zu den Quellen schickt — immer weiter voran zum folgenden Engagement, zur folgenden Gebärde, zur folgenden Routine. Transitive Texte sind Überweisungsscheine ins Nächste und Übernächste. In ihrer Summe ergeben die Sätze der transitiven Sprache die Gebrauchsanleitung für die Wirklichkeit, vorausgesetzt, wir nehmen zur Kenntnis, daß der Ausdruck Wirklichkeit recht verstanden der Titel für die stressorische Totalität ist — die Welt als Besorgung und Beanspruchung.

Demgegenüber ist es die Funktion des écrivain, des Schriftstellers, Text zu verfassen, mit dem man absolut nichts anfangen kann. Denn der écrivain-Text schickt den Rezipienten nicht weiter, er stachelt ihn nicht auf, er empfiehlt ihm nichts. Er lädt ihn ein, bei den gegenwärtigen Zeichen zu verweilen, als gäbe es kein Außen mehr — im äußersten Fall ist schon ein einzelner Satz eine Insel, die keine Nachbarinseln braucht. Verweile doch, ich bin so schön. Demnach hat der Schriftsteller keine andere Aufgabe als die, Narzißmus zu produzieren, gewiß nicht auf der psychischen Ebene, wo er reichlich existiert, sondern auf dem Niveau der Zeichen, wo er selten ist. Es gilt zu zeigen, daß Menschen die Möglichkeit haben, den permanenten Übergang von einer Erregung zur nächsten und von einer Routine zur folgenden zu unterbrechen — nichts anderes leistet der intransitive oder selbstbezügliche Text. Er muß so formuliert sein, daß es nie gelingt, zur Sache zu kommen — denn er steht dafür ein, daß es nicht um das Kommen zu irgendeiner Sache geht, sondern um das Loskommen von ihr. Aber die einzige Richtung, in der man loskommt, ist die, die in den selbstbezüglichen Text führt — ich lasse für den Augenblick die Frage offen, ob die syntaktischen Glückstechniken alias Literatur mit den asymbolischen Glückstechniken der Meditation kompatibel sind oder nicht. Für den Text des écrivain geht es nicht um Anschlußfähigkeit, sondern um Abschlußfähigkeit — das heißt um das Vermögen, sich gegen Weiterverwendungen zu sperren, wäre es auch nur für einen Augenblick. Die typische Verwendbarkeit von Texten erweist sich bekanntlich darin, in anderen Texten zitierbar zu sein — und genau dies ist zu unterbinden, wenn ein intransitiver Status erreicht werden soll. Einen écrivain-Satz erkennt am daran, daß er in einem écrivant-Kontext störend auffällt und potentielle Anwender wirksam entmutigt.

Wir haben nun, wie mir scheint, meine Damen und Herren, die Mindestelemente zu dem Dekor beisammen, vor dem es mir möglich ist, ein umfassendes Geständnis abzulegen. Ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht, daß ich mein Metier unter dem Titel eines philosophischen Schriftstellers betreibe, nach berühmten Mustern im übrigen, die namentlich zu nennen sich verbietet, weil es unbescheiden klänge. Das heißt nun : Weil ich nur eine adjektivische Form von Philosophie anerkenne, fällt der Akzent auf das das Nomen, die Schriftstellerfunktion, und das führt unweigerlich zu Komplikationen — teils angenehmer, teils unangenehmer Art. Ich will mich gleich den unangenehmen widmen, weil sie informativer sind, und möchte aus aktuellem wie chronischem Anlaß ein Wort über das gebrochene Verhältnis mancher Philosophenkollegen zu meiner Arbeit sagen — sowie über meine Bemühungen, die Nächstenliebe bis zur Kollegenliebe auszudehnen. Eines steht fest : Sofern ich als Schriftsteller, als Hochschullehrer, als Publizist und Editor im philosophischen Feld operiere und das Metier voraussetze, bewege ich mich zunächst und selbstverständlich in der écrivant-Zone und weiß wie jeder Kollege, daß es hier darum geht, zu zitieren, zu problematisieren, zu differenzieren, zu argumentieren, zu narrativieren, zu destruieren und zu dekonstruieren, gelegentlich auch zu plädieren — wie es sich bei einem Philosophen, allgemeiner gesprochen einem Vertreter der sinnverarbeitenden Berufe gehört. In meinen Funktionen als Lehrer und Redner tue ich nichts anderes als das, was die üblichen Verwender von Zeichen zu tun gewohnt.

Wenn es an meinen Produktionen zuweilen ein Element von Ärgernis gibt, so fängt es damit an, daß ich mit den regulären Ecrivantensprachspielen etwas Zusätzliches vorhabe. Ich gestehe, ich habe bei der Philosophie gestohlen, ich stehle auch in den Humanwissenschaften und der Psychoanalyse, und das seit jeher, wie man weiß, neuerdings sogar und in zunehmendem Umfang in der Medizin, insbesondere bei den Immunologen, den Endokrinologen und den Molekularbiologen, von denen ich überzeugt bin, daß sie in Zukunft die Weggefährten der avancierten Philosophie sein werden. Das also ist ein philosophischer Schriftsteller, wie ich ihn verstehe: ein Diskursdieb, der Theoreme, Wortschätze, Fachsprachen mitnimmt, um sie in eine intransitive Formulierungssphäre zu versetzen. Dieser Schriftsteller stiehlt im umfassenden Sinne — nicht diese oder jene Idee, dieses oder jenes Verfahren — er stiehlt die ganze Diskursordnung und übersetzt sie in eine Formstufe, die einen Eigenwert erkennen läßt, wenn auch oft nur mit einer kaum merklichen Hebung. Insofern haben zahlreiche Kollegen, im eigenen Fach und in den Nachbardisziplinen, ganz recht, wenn sie bei der Lektüre meiner Texte gelegentlich den Eindruck haben, ich nähme ihnen etwas weg — auch Rezensenten, zumal wenn sie eigene Ambitionen hegen, lassen sich oft das Gefühl anmerken, sie fühlten sich irgendwie verarmt, wenn sie sehen, was ich mit den Diskursen angestellt habe, die ihr ganzer Stolz sind. Sie merken, daß dasselbe nicht mehr ganz dasselbe ist, und schlimmer noch, das andere nicht mehr ganz das andere, und sie warten nicht lange damit, meine intransitiven Wendungen in die transitive Dimension zurückzuwenden, wo die Referenten persönlich dafür sorgen können, daß die Befunde unvorteilhaft klingen. Bis hierher ist ihr Befremden meinen Intentionen angemessen, denn ich sehe einen Teil meines Berufs darin, die Anschlußfähigkeit von Theorien zu blockieren und die schnelle Weiterverwendung von Diskursen aufzuschieben, solange es irgend geht.

Daß dieser Aufschub gelegentlich nicht lange währt, konnte man im Oktober, vor zehn Jahren, erkennen, als eine Rede von mir, ein einigermaßen artifizieller Text, ein philosophisches Nachtstück in problematisierenden Tonarten und voll von indirekter Rede, vom deutschen Affairenfeuilleton flachgeschlagen wurde als wäre er ein Leitartikel im Spiegel gewesen. Auch Philosophieprofessoren haben sich an diesen Trivialisierungen beteiligt, teils aus Opportunismus, teils aus ehrlicher Unfähigkeit, die ich bei manchen Kollegen trotz allem als Schwundstufe einer professoralen Tugend würdige. Aufs ganze gesehen handelt es sich bei der von Starnberg und Hamburg aus inszenierten Affaire um eine Rache einiger erbitterter Ecrivanten, die es genossen haben, Schwebendes und Intransitives ordinär zu machen und freie Reflexionen für die primitivste Empörungsproduktion zu instrumentalisieren.

Ich erlaube mir, drauf hinzuweisen, daß es bei meinen Arbeiten zu keiner Zeit um eine Literarisierung von außerliterarischen Erkenntnisbeständen geht. Es gilt vielmehr, sich deutlich zu machen, daß der Grundakt des philosophischen Verhaltens von Intelligenz, das Zurücktreten vom gelebten Vorurteil, nur in der intransitiven Sprache vollzogen werden kann. Die epoché ist — anders als Husserl dachte — kein reiner mentaler Akt, sondern ein rhetorischer Zwischenfall im Leben des Bewußtseins. Die Freiheit ist im Satz, oder sie ist nirgendwo. Deswegen kann Denken nicht aus der Sprachhaut fahren, so sehr die Akademiker sich auch darum bemühen, und ein Denken, das als geprägter Text nicht zählt, ist letztlich auch als philosophisches verwechselbar und nichtig. Der einzige Philosoph deutscher Sprache dieses Jahrhunders, für den man eine Ausnahme von dieser Regel in Betracht ziehen könnte, ist Karl Jaspers, der auch mit einem grauen Stil beinahe bedeutsam wurde, aber dann doch nicht überzeugte. Weil Philosophieren nur eine adjektivische Funktion des Bewußtseins bei der Herstellung von Texten ist, kommt es in ihm darauf an, das diskursive Verhalten, das Weitergehen von einem mentalen Reflex zum folgenden, von einem logischen Klischee zum nächsten, zu unterbrechen — solange es irgend geht, ich wiederhole diesen Zusatz. Denn es liegt auf der Hand, die Entwendung der transitiven Sprachen und ihre intransitive Drehung führt im Fall des philosophischen Schriftstellers nicht zu autonomen Texten, sie endet nicht in der Fiktion oder in der Poesie, sondern ist auf eine Rückkehr in die gemeinsame Sphäre hin angelegt — das heißt auf einen Wiederanschluß an die Sprachenströme der Gesellschaft und den Wiedereintritt in die Nutzsprachen der diskutierenden Subkulturen, mit dem entscheidenden Unterschied, daß ein Rezipient nach dem Durchgang durch die intransitive Prosa ein wenig Abstand gewonnen hätte von der Diskursmechanik — daß er für einen philosophischen Augenblick halt gemacht hätte im Glücksraum einer anderen Formuliertheit, oder um das Entscheidende zu sagen : daß er den Zugang gefunden hätte zur Unentschiedenheit. Das ist der Sinn des Essays als Methode und Form — er entwendet die Figuren der Standardsprachen, versetzt sie in die Sphäre der Zuspitzung und des potenzierten Ausdrucks, umhüllt sie mit einer Aura von Freiheit und Mehrdeutigkeit und gibt sie den sprechenden Gruppen zurück — und zwar, wenn man so paradox reden darf, mit einem Mehrwert an Unbrauchbarkeit für ordinäre Verwendungen.

meine Damen und Herren, Jean Cocteau soll auf die Frage, was er aus einem brennenden Haus retten würde, geantwortet haben : das Feuer. Fragte man mich, was ich aus einer lichterloh kommunizierenden Gesellschaft retten würde, ich würde sagen : die geglückten Sätze. Ich rechne mich zu denen, die den Autor nicht als die Grundlage, sondern als eine bevorzugte Randbedingung des Textes ansehen. Von der Berufsbezeichnung philosophischer Schriftsteller würde ich nicht so hartnäckig Gebrauch machen, wenn ich nicht meine Sämtlichen Entwendungen irgendwann den rechtmäßigen Eigentümern zurückgeben wollte, sofern sie ihre eigenen Gedanken noch haben wollten — und dies ist, wie Erfahrung zeigt, am ehesten bei denen der Fall, die bereit sind, über ihre Ausbildungen hinauszugehen und von ihren Funktionen im kollektiven Stress-System abzuweichen. Das Adjektiv drückt aus, daß ich an der sentimentalen Idee hänge, es gebe einen Rückweg von der einsamen Anarchie des philosophischen Augenblicks in die geteilte Sphäre — ich nenne sie nicht das Allgemeine, aber das Gemeinsame. Daraus geht hervor, daß ich ein Mensch von altmodischem Zuschnitt sein muß, denn ich kann nicht aufhören, mich für die Teilung des Glücks zu interessieren. Damit soll es mit dem Gestehen für heute ein Ende haben. Wenn die Kräfte reichen, folgen weitere Enthüllungen in Form von neuen Büchern.

Résumé

Meine Damen und Herren, liebe Freunde, Es ist für mich eine große Ehre, um vom großen Vergnügen nicht zu reden, an diesem Abend in Lausann den Charles Veillon-Preis entgegennehmen zu dürfen, den mir die Jury mit einer hochwillkommenen Geste der Großzügigkeit zuerkannt hat. Es ist bei Anlässen wie diesen guter Brauch, daß der auf solche […]

Pour faire référence à cet article (ISO 690)

« Statt eines Geständnisses. », EspacesTemps.net, Laboratoire, 2011/05/16. URL : https://www.espacestemps.net/articles/statt-eines-gestandnisses/